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Unsere
Begegnungen
In
meinem Leben ist er eine bedeutende Figur. In den langen Jahren der
Jugend - warum werden sie später immer kürzer? -, in den Goldenen
20er Jahren des Berliner Theaters, ich war ebenso alt, habe ich
diesen Mann sehr geliebt und ein wenig gehasst, eine Weile, sie ist
längst vorüber.
Viele
Stücke haben wir zusammen realisiert, Regisseur und Schauspieler,
manchmal auch Schauspieler und Schauspieler; wenn ich es in der
Erinnerung zusammenzähle, waren es Hunderte von Probentagen, die
wir zusammen hatten. In den alleeersten, den Proben, in denen ich
ihn kennerlernte, begegnete ich meiner Frau; das Stück war vom
damals noch nicht berühmten Zuckmayer und hatte gleich 3 Titel: Kiktahan,
oder Pankraz erwacht, oder Die Hinterwäldler.
Viele
Wochen Proben, meist nachts nach den Vorstellungen, für eine
einzige Matinee der Jungen Bühne.
Es
spielten Gerda Müller, Rudolf Forster, Alexander Granach, Walter
Franck, Walter Werner und wie gesagt das Mädchen, das meine Frau
wurde, und ich. (Forster stellte einen abgeschobenen Baron dar - die
Theaterwissenschaft weiß, dass mit dieser Figur die einmalige
Silhouette, Facette im Spektrum, unverwechselbare Stimme in der
großen Opernpartitur von ihm gefunden und, gefasst wurde.)
"Ewigkeitszug"
pflegte der gefürchtete und geliebte Alfred Kerr als hohen Orden in
einer Kritik zu verleihen; in einer Predigt des Meister Ekkehard
heißt es "Die Einzigkeit des Menschen ist seine
Ewigkeit". jeder Mensch ist einzig - aber diese Besonderheit
sichtbar zu machen, bewusst und vernehmbar zu machen, dazu bedarf es
auch einer Hilfe, der Hebammenkunst, von der Sokrates spricht; ich
glaube, damals hat sie Hilpert ausgeübt.
Im
folgenden Herbst inszenierte er "Und Pippa tanzt" mit George
als Altem Huhn, Toni van Eyck als Pippa, Winterstein als Altem Wann,
mir als Hellriegel. Wir wurden alle entsetzlich verrissen, in einer
Zeitung stand: "Von der Jagd nach Missgriffen kehrte der
Regisseur mit reicher Beute heim." Wenn ich heute zurückdenke,
33 Jahre zurück, so glaube ich, damals und damit begann unsere
über 7 Jahre Jugendjahre währende und wirkende Freundschaft. Wir
wollten verwirklichen in Vorstellung und Darstellung (die englische
Sprache hat dafür überhaupt die Vokabel to realize), und dass wir
gemeinsam an einem im Poetischen wie Mystischen so gräulich
ungenauen Werk scheiterten - beide Ebenen, auf die es sich begibt,
verlangen große Exaktheit, siehe Hölderlin! siehe Ekkehard! -, das
gab erst mal eine im Negativen fest fundierte Basis, einen Keller,
auf dem etliche positive Stockwerke gebaut werden konnten.
Es
kam Gneisenau von Wolfgang Goetz mit Werner Krauß mein Gott, beide
sind schon tot - und das Jahr danach Troilus und Cressida; ich
glaube, es ist eine von Hilperts schönsten Inszenierungen gewesen,
mehr: eine der schönen Vorstellungen, die es auf der Welt gab -
dabei gar nicht vollkommen. Aber es wurde da ein neuer goldner
Schnitt, ein neuer Akkord gefunden - nach dem barocken Voll- und
Wohlklang Reinhardts, nach den preußisch-expressiven Dissonanzen Jeßners
- ein neuer Akkord zwischen Realisieren und Musizieren. Die
Realität war genau, die Musik scheu, berlinisch, "nicht zu
viel Gefühl , streng in der Form wie ein Schinkel-Bau.
Sonderbar,
damals war er Horoskopen gegenüber nicht ungläubig; und noch
sonderbarer, er glaubte, dass ein Saturn Transit seine Jahre damals
belaste und zu schlechten Jahren mache. "Wenn der Ballast erst
weg ist, dann geht's richtig los«, sagte er oft. Mir scheint, er
habe damals besonders glückliche Arbeitshände gehabt. Es kamen Die
Verbrecher, ein großer Erfolg und ein großer Regie-Griff, der
wieder einmal zwei Schauspieler auf ihr besonderes Gleis setzte,
Albers und Gründgens, es kamen die Lustigen Weiber von Windsor mit
Krauß als dem alten Sir John Fallstaff;
dessen Epilog - verkleidet und ein Hirschgeweih auf dem Kopf - habe
ich mir wohl jeden Abend aus der Kulisse angesehen. Es kamen, nach
unserer Sezession ins Deutsche Künstlertheater, "Die andere
Seite", "Seltsames Zwischenspiel" mit der Bergner,
"Zum goldenen Anker" mit der Dorsch. Das sind nur die
Inszenierungen, in denen ich mitspielte; Wochen, Monate täglicher,
miteinander arbeitender, miteinander redender Freundschaft - und
dann plötzlich, ich weiß heute noch nicht warum, eine Pause, ein
Loch, Schweigen. Ein Jahr, noch ein Jahr, kein Wort, kein Anruf, wo
bis dahin kein Tag zu Ende gegangen war ohne ein Abschluss-Gespräch.
Ich war stolz und rief auch nicht an, schrieb nur an die weiße Wand
meines Zimmers "Warum ist noch einer still, der sonst gern
spricht?' Das war ein Satz aus einem Stück, in dem wir als Partner gespielt
hatten (auch bei der jungen Bühne).
Es
kam das große Theatersterben des Jahres 1932, mit Grete Mosheim
spielte ich auf Teilung "Waterloobrücke", es kam das Jahr
1933, und wir spielten auf Teilung "Für geleistete Dienste".
Dann bekam Gründgens das Staatstheater und Hilpert die Volksbühne,
und ich spielte in zwei Filmen auf Teilung, der erste war Wisbars
"Anna und Elisabeth" und der andere "Der Schimmelreiter".
Als
mich Hilpert dann zu einem Abendessen und Gespräch einlud und
meinte, wir müssten uns doch erst wieder aneinander gewöhnen, und
der Weg dahin gehe am besten über kleinere Rollen, da überkam mich
ein so wüster Jähzorn, dass er mich heute noch manchmal reut, aber
der Groll der vielen Monate hatte sich so aufgespeichert, dass er
nun mit einer Stichflamme in die Luft
ging.
Unter
den vielen Dingen, die mir 1943 verbrannt sind, war ein Brief, in
dem stand - merkwürdig, lange her, doch weiß ich es noch wörtlich
-: "Aus unserer letzten recht uncharmanten Unterredung halte
ich also fest: Deine Geneigtheit, den Hamlet, den Faust, den Prinzen
von Homburg zu spielen, sogar bei mir, wenn ich in den nächsten
Jahren noch ein Theater leiten sollte."
Nun,
er leitete bald das schönste Theater Deutschlands, Reinhardts Haus
in der Schumannstraße, von dem wir anno 1929 mit Schmerzen Abschied
genommen hatten. Den Faust spielte wer anders, überhaupt alle meine
Rollen wer anders.
Im
Grunde hatte es schon begonnen mit Hemingway; diesen Dichter hatte
ich mit seinem ersten in Deutschland erschienenen, damals noch gar
nicht sehr auffallenden Buch "Fiesta" für mich entdeckt.
Aus London brachte ich die - auch dort noch nicht aufgefallenen -
Bände "Men without women" und "A Farewell to Arms"
mit. Anno 1930 war's, und ich wollte meine Freunde mit diesem neuen
Rausch auch betrunken machen, Hilpert, Zuckmayer. Sie wurden's auch.
Zuck machte ein Stück aus "In einem andern Land", Hilpert
inszenierte es, die Dorsch spielte die Kat, - aber den Mann, den
Ich-Erzähler Hemingways, meines gefundenen neuen Dichters, ließ er
von Gustav Fröhlich spielen. Lang ist's her, aber damals hab' ich
ihn gehasst, eine Weile, eine lange Weile; denn das Telefon schwieg
dann nicht ein Jahr, nicht zwei, beinahe zehn.
Dann,
eines Nachmittags, mitten im Kriege, kam die vormals täglich
gehörte Stimme und sagte durch die Membran: "Ich hab' mir
gerade gedacht, ist doch eigentlich Quatsch, dass wir uns so selten
sehen. jetzt hab' ich auch die Josefstadt in Wien, willst Du da
nicht den Tasso spielen?' Ich sagte: "Vorbei, Heinz, vorbei -
10 Jahre zu spät - ich bin 40, und es gibt einen, der jetzt richtig
ist, den Horst Caspar.' Der spielte ihn dann auch, freilich an der
Burg, und in der Josefstadt gab ich den Kandaules und ein Jahr
drauf, zu Hölderlins 100. Todestag den Empedokles, und ich hasste
H. nicht mehr. Der Zorn und die Liebe der (langen) jungen Jahre hat
sich gewandelt in eine polyphonere, auch distanziertere Zuneigung
und wenn ich heute die Autobahn entlang fahre, und es kommt das
Schild Göttingen, dann biege ich ab und sehe, ob er gerade Probe
hat - das letzte Mal war's Hamlet -, und ich kann mich heute ehrlich
fragen: Was ist der Zauber (nie hätten wir dies Wort in unsern
jungen Jahren gebraucht, "Nee, kein doppelter Boden",
Reinhardt nannten wir den "Ollen Zauberer"), was ist das
Einzigartige dieser Gestalt H. H.?
Die
Silhouetten anderer großer Regisseure seines Alters sind viel
leichter als Schattenriss an die Wand zu werfen, der Gewaltigen und
Gewalttätigen wie Fehling, Kortner, auch Reinhardt; sie machten
Furore, viele ihrer Regien waren eine Sensation. Mir scheint an
Hilpert das Besondere, dass er niemals sensationell war und es auch
nie sein wollte.
Dieser
seltsam alterslose Mann - mir kommt er heute nicht älter vor als
vor 35 Jahren, und dass er nun 70 werden soll, ist mir unglaublich -,
er schien mit seiner Danton-Statur und der übergroßen Jean
Paul-Stirne (drunter in jungen Jahren ein Monokel, jetzt die
Hornbrille), er schien prädestiniert für Furore, für Fanale und
hatte früh und ein für alle Mal stattdessen das Maß, die
Gesittung gewählt. Statt Sensation und Erfolg war er für genaue
Partiturwiedergabe. Für Bescheidenheit statt Genialität, eher für
berlinisch-märkische Trockenheit als für Größenwahn und die
Hochstapelei, welche der Druckerschwärzeruhm gerne küsst; für
bürgerliche Werte, könnte man sagen, und ich glaube, das ist
nichts Klein zu achtendes mehr, sondern etwas Kostbares heute, da
vieles zu groß, zu schnell, zu laut wird, da die Wälder
schrumpfen, das Grundwasser sinkt, da es viele Ingenieure und wenig
Nachwuchs für Gärtner und Förster gibt. Ich würde Hilpert den
Hegern und Pflegern zurechnen, den Feld- und Wildhütern des
Geistes, die Raum und Zeit nach Spannen, nach Fuß, nach
Herzschlägen zählen statt nach Metern und Sekunden, und unter
deren Füßen Gras wächst.
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