MEPHISTO BEKENNT
Es
war im Sommer des Jahres 1922. Da durfte ich, 18jährig, bei den
Schleswig-Holsteinischen Volksspielen, später bekannt als
«Maskenwagen der Holtorf-Truppe» - einem blutjungen
Wanderunternehmen, dessen Leiter, der Maler Hans Holtorf, damals
ganze 22 Jahre alt war -, in Heide in Holstein meinen ersten
Mephisto spielen. Der Darsteller des Faust hieß Mathias Wieman. Wie
heute, nach 3 5 Jahren ... Es handelte sich freilich nicht um
Goethes «Faust», sondern um das [auch hier in Zürich einmal
aufgeführte] sogenannte «Puppenspiel vom Dr. Faust». jetzt spiele
ich den Goetheschen Mephisto zum viertenmal in meinem Leben. Und
soviel sich für mich auch an den schauspielerischen Details der
Rolle von ihrer ersten bis zur heutigen Fassung geändert haben mag,
so wesentlich bleibt meine persönliche Mephisto-Vorstellung an
jenes erste entscheidende Jugenderlebnis gebunden, das ein
metaphysisches war, wie es dem Text des Puppenspiel - Mephisto
entsprach. Immer wieder habe ich seither bedauert, dass Goethe
dieses elementare Motiv des Puppenspiels nicht oder nur andeutend in
seine Dichtung mit aufgenommen hat. Ich denke an jene grandiose
Szene, in der der Faust des Puppenspiels kraft des Paktes den Teufel
beschwört, ihm zu bekennen, was er tun würde, wenn er, Mephisto,
noch einmal Hoffnung auf ewige Seligkeit erlangen könnte. Mephisto
gesteht da, nach furchtbarem Sträuben: « Fauste, Du willst es
haben. So höre mich auch an - wenn ich Hoffnung auf
Seligkeit erlangen könnte, so wollte ich ganze Jahre
hindurch die aller grausamsten Martern erdulden. Und sollte
auch die ganze weite Welt mit lauter glühenden Eisenplatten
beschlagen sein, so wollte ich sie doch nicht geschwinder als eine
Schnecke durchwandern. Und wenn eine Leiter vom tiefsten Abgrund
der Hölle bis zum obersten Himmelsgipfel führte, und jeder Sprossen
wäre mit tausend und aber mal tausend scharfen Schermessern besetzt,
und ich könnte alle menschlichen Empfindungen sparen, und
sollt' ich auch so klein zerschnitten werden wie Sand am
Meer - so wollt' ich doch mit Freuden die Leiter besteigen
und danach trachten, den
obersten Gipfel zu erreichen, um nur ein einziges Mal Gott
anzuschauen. - Dann wollte ich gerne in alle Ewigkeit wieder ein
Geist der Verdammten sein. »
Es war, wie man
sich denken kann, für den Schauspieler ein weiter Weg von diesem
«naiven» Puppenspiel-Mephisto bis zu dem Goetheschen. Aber
er hat diese alten Sätze, die bei Goethe fast kein Echo finden, im
geheimen, geistigen Rüstzeug seiner Teufelsrolle immer mit sich
getragen und wird nie von dem Versuch ablassen, den Abgrund der
Verlorenheit und des Nichts, dem jene Puppenspiel-Sätze entstammen,
auch hinter der Gestalt des so viel aufgeklärteren,
rationalistischeren Mephisto Goethes immer wieder ahnen zu lassen.
Und wäre es nur im Anblick des verlorenen Paradieses, im Anblick
Gretchens: «Du gut's, unschuldig's Kind ... »