"FAUST"
IM KRIEGE
von
MATHIAS
WIEMAN
Eines
der schönsten Worte über Musik, ja über die Kunst überhaupt, hat
Bismarck von Beethovens Appassionata" gesprochen: "Wenn
ich das öfter hörte, würde ich immer sehr tapfer sein." Ein
ähnliches Gefühl für das, was die Tapferkeit nähren könnte, hat
wohl auch jetzt, in den letzten Monaten des Krieges, in Deutschland
die Menschen in Massen zu den klassischen Konzerten und
Theateraufführungen getrieben.
In
Hamburg hatten wir drei Monate hindurch den "Faust"
gegeben, das ganze Stück in beiden Teilen. Und nicht, dass der
Ansturm der Zuschauer so groß war, wie ihn der Direktor in Goethes
"Vorspiel auf dem Theater" erträumt - nicht allein das
war für uns das Wunder, sondern viel mehr die tiefe und ernste
Aufnahme, die das Schauspiel fand. Der ungeheure Verwandlungsprozess,
in dem wir leben, hatte - weit entfernt, die Menschen der Kunst zu
entfremden - vielmehr echte, ganz ungekannte Resonanzen in die Tiefe
eröffnet.
Ich
glaube, dass auch unsere Faustaufführung von den gleichen Antrieben
bestimmt war. Jede Zeit und jede Generation sieht wohl die großen
Gestalten der Faustdichtung neu und anders. Und wenn
meine Darstellung des Faust teilweise Befremden hervorgerufen hat,
so kamen diese Stimmen der Einwendung meist von Menschen, in deren
Vorstellung das bislang gültige Bild des Faust als des
kenntnisreichen überlegenen Denkers verwurzelt war. Man sagte, ich
sei als Faust nicht genügend abgeklärt und gereift gewesen. Aber
für mich ist der Faust in keinem seiner Züge eine abgeschlossene,
zur Reife gelangte Persönlichkeit. Im Gegenteil, ich empfinde sein
Schicksal als einen alle Form sprengenden, noch über das Grab
hinausreichenden Entwicklungsprozess. Wann ist Faust je resigniert?
Nein, er ist verzweifelt und empört. Welcher resignierte Mensch
wird sich mit dem Teufel verbünden? Nicht aus dämonischer Wissbegierde,
nicht aus Sehnsucht nach den plötzlich verführerisch in seiner
Studierstube auftauchenden Lockungen der Welt geht der große Sucher
dies Bündnis mit dem Bösen ein; der ewig ungestillte Wunsch, die
Welt im Innersten zu verstehen, lässt ihn das Angebot des Mephisto
annehmen und treibt ihn ständig weiter und weiter, so rastlos, dass
es dem Teufel fast zuviel wird! Nur einmal ruht dieser zur
Erfüllung Strebende in sich selbst: als er in Hellas der Harmonie
begegnet und das ausgewogene Maß der Welt in einer großen Vision
erlebt; aber auch diese Ruhe ist nicht von Dauer. .
So
durften wir schon glauben, dass die Gestalt dieses Menschen Faust
gerade in unserer Zeit der ungeheuersten Bewegung ihren Platz und
Sinn finden würde. Es gehört zu den schönsten und glücklichsten
Augenblicken, die ich je auf der Bühne erlebt habe, immer
deutlicher zu spüren, dass unser "Faust" die Menschen
ergriff, ohne sie von dem großen Strom der Geschehnisse
wegzufahren.
Zwei
Vorstellungen heben sich besonders deutlich heraus. Die erste war
eine Aufführung von "Faust" erster Teil an dem Tage, als
die deutschen Truppen in Norwegen landeten, und die zweite eine
Aufführung von "Faust" zweiter Teil, als am Morgen
deutsche Soldaten in Holland und Belgien eingerückt waren, und
jeder wusste, dass es nun um die Entscheidung geht. An diesen beiden
Tagen ging ich mit großer Besorgnis zum Schauspielhaus. Denn genau
so, wie wir Schauspieler nicht nur mit dem Bewusstsein, sondern mit
der ganzen Wunschkraft des Gemütes bei den großen Ereignissen
draußen waren, genau so musste es doch auch den Menschen im Parkett
und auf den Rängen ergehen. Durften wir sie zu Recht ergreifen
wollen? Es erschien mir sinnlos, jetzt, wo die Entscheidung über
unseren Erdteil ausgefochten wurde, Theater zu spielen, einen
falschen Bart anzukleben und Sätze auszusagen, die sich reimen. Und
dann geschah doch das Wunderbare, dass gerade an diesen Abenden die
Faustdichtung die Zuschauer vielleicht noch stärker in ihren Bann
zog als vorher. Das war keine Flucht
aus der Wirklichkeit, kein Versinken in einer Oase des Friedens, in
wohlabgegrenzte Bezirke des Geistes. Es war vielmehr die
Bestätigung dafür, dass der "Faust" das kühne und
getreue Bild unseres Wesens ist und bleibt. Und es wurde mir auch an
diesen Abenden klar, wie andere Völker dieses Bild des immer
strebend sich bemühenden und um Erfüllung kämpfenden
faustisch-deutschen Menschen nie ganz werden begreifen
können.
Der
heiße Atem der Zeit weht auch durch unser Theater. Gleich einem
Feuer sprang jenes ewige deutsche Lebensgefühl, das in
"Faust" Gestalt gewann, auf die Menschen im Zuschauerraum über.
Ich glaube, man kann es nicht besser umschreiben als mit Goethes
Wort: "Die Gottheit ist im Werdenden und sich Verwandelnden,
aber nicht im Gewordenen und Erstarrten."