Wir haben uns zu dieser Morgenfeier
zusammengefunden, um des Schauspielers Mathias Wieman zu gedenken, der uns
am 3. Dezember verlassen hat.
Freude des Verstorbenen haben mich ersucht,
zu seinen Freunden zu sprechen, und ich danke Ihnen, das Sie sich so
zahlreich eingefunden haben, um ihn zu ehren und mit ihm die in Frage
gestellte Würde eines Theaters, das in seinem letzten Lebensjahrzehnt
seine künstlerische Heimat geworden war.
Ich
kannte Mathias Wieman aus seinen Anfängen. Er gehörte zur
Holtorftruppe, die damals, in der Zeit des Hochexpressionismus, mit
jungen Schauspielern - unter ihnen auch Ernst Ginsberg - durch
Deutschland zog und einen, sozusagen präzis überhitzten,
holzschnittigen Stil entwickelte, der Wiemans sprödem, schon in
jungen Jahren deutlich geprägtem Wesen seltsam entgegenkam.
Sein
Weg führte ihn steil aufwärts. Mit Bewunderung und nicht ohne Neid
sahen wir Gleichaltrigen das Beispiel eines Werdenden, der von allem
Anfang an den Mut zu sich selbst besaß.
Hier
stand kein strahlender jugendlicher Held, hier war ein herber, in
sich gekehrter, mitunter sogar hölzern wirkender junger Mensch, dem
nichts leicht fiel, der seine Unbeholfenheit nicht kaschierte, dem
es aber mit allem, was er mit seiner tiefen, etwas brüchigen Stimme
zu sagen hatte, unbeirrbar ernst war; ein leiser Besessener, der
aussah und sprach, wie man sich Hauptmanns Narr" in Christo
vorstellte, einer, der «mit Zungen» redete und dennoch nicht
anders sein wollte als die andern.
Max
Reinhardt hatte den kaum 22jährigen nach Berlin geholt.
Als
Bruder Ladvenu in Shaws Heiliger Johanna neben Elisabeth
Bergner und einer Elite der Berliner Schauspieler fiel er auf.
Als
Arnold Kramer hatte er seinen überzeugenden Durchbruch. Die
Aufführung, in der Wieman neben Eugen Klöpfer, durch die
Ähnlichkeit der äußeren Bildung begünstigt, das unheimlich
beschattete Spiegelbild des Vaters gestaltete, wurde zum
Theaterereignis.
Bei
Reinhardt und am Deutschen Künstlertheater, das Reinhardts
langjähriger Stellvertreter Robert Klein leitete, später an der
Schumannstraße bei Heinz Hilpert, stand Mathias Wieman unter den
Jungen unbestritten an
erster
Stelle.
Nennen
wir aus der Reihe seiner frühen Erfolge den Marius neben der Fanny
der Käthe Dorsch, den Captain Stanhope in Die andere Seite, den
Tellheim, wieder neben der Dorsch als unvergesslicher Minna, den
Troilus in einer Inszenierung von Hilpert.
Mir
ist sein Tellheim in besonders lebendiger Erinnerung, vielleicht
weil sich in dieser Rolle zum erstenmal sein kauziger Humor
anzeigte, den er in späteren Gestalten so kritisch gegen sich
selbst einzusetzen verstand.
Was
Mathias Wieman aber von Anbeginn aus der Reihe Gleichbegabter
heraushob, war seine Beziehung zum Wort, seine bedingungslose Treue
zum Werk und seinem Sinn, war seine Ausstrahlung von Lauterkeit und
Integrität.
Hölderlin
war sein Lieblingsdichter. Hölderlin aber war im Dritten Reich für
viele ein Ort geistiger Zuflucht, das klassische Reduit für etwas,
das man dann «innere Emigration» nannte, ein leider sehr
zwielichtiger Begriff.
Es
bedeutete für uns damals eine erschreckende Enttäuschung, zu
erfahren, das dieser junge Mensch, der für so viele der Inbegriff
von Menschenfreundlichkeit und Gerechtigkeit war, sich am Anfang
ahnungslos von der Welle der enthusiastischen Zustimmung hatte
forttragen lassen. Es war ein kurzer Flug und ein schreckliches
Erwachen.
Ich
denke, es wäre unredlich, heute und hier darüber schweigend
hinwegzugehen. Wir müssen darüber sprechen und wir dürfen es,
denn nur wenige haben, wie Mathias Wieman, den Irrweg frühzeitig
erkannt, offen und freimütig darüber geredet und ein klares
Bekenntnis für die bessere Sache abgelegt.
Wälterlin
und Hirschfeld wussten sehr genau, was sie taten, als sie nach
langen Beratungen mit den Mitgliedern des Ensembles Wieman, der bei
Goebbels schon bald persona non grata geworden war, 1957 nach
Zürich einluden. Von ihm konnte man nie das ominöse «so schlimm
war es nicht» hören. Er wusste und bekannte, welches Grauen die
Unbesonnenheit und Kritiklosigkeit vieler junger Menschen
heraufzubeschwören mitgeholfen hatte.
Wieman
kam nach Zürich, um in meiner Inszenierung der beiden Teile der
Tragödie den Faust zu spielen. Die Wiederbegegnung und die
Zusammenarbeit mit dem Ensemble des Zürcher Schauspielhauses wurde
zum nachhaltigen künstlerischen und menschlichen Erlebnis. Seine
stärksten Szenen waren die letzten im zweiten Teil. Wir haben
seither immer wieder gemeinsam gearbeitet, haben uns sozusagen immer
schon für die nächste Arbeit verabredet. Das gemeinsame Fernziel
hieß König Lear. Dazu sollte es nicht mehr kommen. Aber wir nahmen
gemeinsam mit Heidemarie Hatheyer in Düsseldorf Requiem für
eine Nonne auf, trafen uns wieder in Zürich zur Arbeit an
Thomas Wolfes Altamont und Giraudoux' Elektra.
Der
Bettler, halb weiser Clochard, halb trunkener Gott, wurde eine von
Mathias' ergreifendsten Gestalten. Hirschfeld vertraute ihm den
Antonio im Tasso an und die Titelrolle in Ionescos Der
König stirbt. Die Krönung ihrer Zusammenarbeit war jedoch der
Nathan. In den letzten Jahren spielte Wieman überaus eindrucksvoll
den Michael Kramer, zur Freude des Publikums den uralten Solomon in
Millers Preis, und eine seiner bedeutendsten Gestalten, den
Fürstbischof Waldeck in Dürrenmatts Wiedertäufern. Unvergesslich
sein leidenschaftliches «Aber wie? aber wie?» am Ende der
grausigen Tragikomödie.
Und
lange Zeit und immer wieder spielte er, nicht nur in Zürich,
sondern später auch in München, den Nathan. Dort holte er sich mit
der Rolle des Pastor Manders, auf Albert Bassermanns Spuren, einen
besonderen Erfolg. In dieser Rolle trat er zuletzt auch in Hamburg
auf, dort musste er abbrechen, von dort kehrte er nach Zürich heim,
um die schwere, aber leider erfolglose Operation an sich vornehmen
zu lassen. -
Seine
letzte Rolle am Schauspielhaus spielte er in der vergangenen Saison
in Pirandellos Sechs Personen suchen einen Autor. In
dem Stück hatte er ehedem in der deutschen Erstaufführung unter
Max Reinhardt den Sohn gespielt. Jetzt war er der Vater.
Im
vergangenen Frühjahr hatten Wieman und ich ein besonders glückliches
Zusammentreffen, als wir bei den Grillparzer - Festspielen im
österreichischen Burgenland auf der riesigen Forchtensteiner Schlossbühne
am Bruderzwist in Habsburg arbeiteten. Wer es verstanden
hätte, musste damals schon die Anzeichen von Krankheit und die
Vorahnung des nahen Endes in seinem Aussehen und Verhalten lesen
können. Vielleicht war es sein eigenes Vorgefühl, das ihn sich so
ganz, selbst für seine intensive Art ganz ungewöhnlich
leidenschaftlich mit der Rolle des mit sich und der Welt zerfallenen
alten Philosophen auseinandersetzen ließ. -Es war der
Abschied. Es war die letzte Rolle, die er schuf, und er gab ihr, was
er nur geben konnte. Da war niemand, der sich dem tiefen Eindruck
der Gestaltung entziehen konnte. Es war außerordentlich, und. im
Rückblick ohne falsche Verklärung schöner als irgend etwas
anderes zuvor.
Wenn
wir an dieser Stelle dem Schauspieler und dem Freunde Mathias Wieman
unseren Dank sagen wollen, müssen wir auch des Vermittlers großer
Prosa und Lyrik gedenken. Von diesem sehr wesentlichen Teil seiner
Tätigkeit geben glücklicherweise einige Schallplatten posthumes
Zeugnis. Er sprach Goethe und Hölderlin, Eichendorff und Keller, er
las Homer und alte Legenden und Märchen und gab sich mit besonderer
Liebe den Versen, deren Dichter unbekannt geblieben sind.
Frau
Erika Wieman-Meingast, die selbst eine Schauspielerin von Rang war
und immer Mathias' verständnisvollste Freundin geblieben ist, sage
ich die herzlichste Sympathie und Teilnahme der Zürcher Kollegen
ihres Gatten.
Mögen
ein paar Verse aus Hölderlins Empedokles, die er oft
gesprochen hat, ihn geleiten:
Gelebt
hab' ich; wie aus der Bäume Wipfel
Die
Blüte regnet und die goldne Frucht,
Und
Blum' und Korn aus dunklem Boden quillt,
So
kam aus Müh und Not die Freude mir
Und
freundlich stiegen Himmelskräfte nieder.
Am
schönen Tage, wenn
Den
Göttern der Natur ein Fest zu bringen
Ihr
einst hinaus zum heilgen Haine geht,
Und
wie mit freundlichen Gesängen Euch' s
Empfängt
aus heitern Höhn, dann wehet wohl
Ein
Ton von mir im Liede,
Des
Freundes Wort vernehmt Ihr liebend wieder
Und
Ihr gedenket meiner.